Die Geschichtenerzähler

4. Januar 2019

Als Eberhard W. früh am 4. Januar des Jahres 2019 in den nebligen Morgen hinaustrat, um wie immer zur Busstation zu gehen, ahnte er nicht, welch schroffe Wendung sein bisher so ruhiges Leben an diesem Tag nehmen würde. – Wenn, liebe Leser, ein Zeitungsartikel so beginnt, hat der Journalist wahrscheinlich einen Kurs in Storytelling besucht. Dort hat er gelernt, wie man mit Anfangsbildern Spannung erzeugt.

Einstiegssätze wie der hier karikierte sind zu einer Mode geworden. Auch fällt gelegentlich die verblüffend überscharfe Zeichnung von Protagonisten auf, so etwa die Beschreibung von Gemütslagen samt deren Gründen, die genaue Schilderung sozial lesbarer Verhaltens- und Kleider-Codes oder die bedeutungsgesättigte Ausmalung von Orten des Geschehens. All dies gehört zu den Techniken journalistischen Erzählens. Je geschickter und kreativer das Storytelling betrieben wird, desto vielfältiger und facettenreicher seine Elemente.

Ausgerüstet mit diesem Werkzeugkasten schreiben Medienschaffende die von Publikum und Verlag gleichermassen gefragten Stücke. Auf diese Art «erzählte» Texte sind süffig zu lesen, weil farbig und spannend. Die Nutzer steigen nicht unterwegs aus, sondern lesen bis zum Ende. Und wenn sie das bei mehreren Artikeln getan haben, merken sie sich die Autorin oder den Autor und warten schon auf das nächste Stück, das die «Edelfeder» ihnen vorlegt.

Storytelling ist für das Mediengeschäft ein erfolgreiches Konzept. Es kann auf eine ehrenhafte Ahnengalerie grosser Journalistinnen und Journalisten verweisen, die in ihren Reportagen mit erzählerischen Stilelementen gearbeitet haben, ja vielfach sich im Grenzgebiet zwischen dem Literarischen und dem faktenbasierten Berichten bewegt haben. Der Gattung der «literarischen Reportage» entspricht als angrenzendes Gegenstück ein literarisch dokumentierendes Genre, in dem sich namhafte Schriftsteller und Reporterinnen geübt haben. – Erzählende, ins Fiktionale übergehende Stilformen können also im Journalismus nicht per se ein Problem sein.

Nun aber wird seit ein paar Wochen heftig über den Fall Relotius diskutiert. Der Mann hat jahrelang im «Spiegel» und diversen anderen Blättern gefälschte Reportagen platziert und damit auch Journalismus-Preise gewonnen. Die ganze Branche entsetzt sich darüber, dass solches möglich war. Dabei ist Claas Relotius natürlich nicht der erste Betriebsunfall. Es gab Tom Kummer, es gab die gefälschten Hitler-Tagebücher und einiges mehr.

Über eindeutige Fälschungen wie beispielsweise frei erfundene Personen, Gespräche und Dokumente braucht man nicht lange zu diskutieren. Heikler ist eine abwägende Beurteilung der Storytelling-Methode als solcher. Sie gilt als unverzichtbar für modernen Journalismus, weil das Berichten über Personen, Ereignisse und Zusammenhänge in jedem Fall Elemente des Erzählens miteinschliesst. Jedoch kann erzählendes Berichten in einen heiklen Grenzbereich zwischen Findung und Erfindung führen, da es keine Erzählperspektive gibt, in der ein Autor alles, was er zum Berichten braucht, als zweifelsfreies Faktum vorweisen kann. Erzähler versetzen sich beispielsweise in ihre Protagonisten hinein und schildern deren Intentionen oder Emotionen – die sie streng genommen nicht kennen können. Erzähler bringen aber auch rein durch den Ablauf, die zeitlich-räumliche Begrenzung und die beteiligten Figuren ihrer Narration bestimmte Kausalitäten und Logiken herein – und die sind für das Publikum nur schwer als Konstrukte zu durchschauen.

Es gibt kein voraussetzungsfreies, kein «unschuldiges» Erzählen. Hier die Gratwanderung zu machen zwischen zulässiger und problematischer Erfindung, ist wesentlich schwieriger als die Unzulässigkeit absichtlicher Fälschungen festzustellen. Allerdings ist klar: Die harte Abgrenzung gegen grobe Verstösse, wie sie im Fall Relotius einmal mehr geschehen sind, ist absolut notwendig, damit man sich überhaupt der Unterscheidung zwischen erlaubten und unerlaubten erzählerischen Freiheiten annehmen kann.

Generell wird man mit dem amerikanischen Medienwissenschaftler Jay Rosen feststellen können, dass der Journalismus seit etlichen Jahren viel zu stark und unkritisch auf Storytelling setzt. Nur so ist erklärbar, dass einer wie Relotius so lange nicht aufflog, sondern sogar renommierte Preise abholte. Liest man nämlich seine Reportagen mit einigermassen nüchternem Blick, so sieht man, dass Relotius seine Storys mächtig ins Kraut schiessen liess. Wer behaupten will, diese Machenschaften seien nicht erkennbar gewesen, hat ganz offenkundig das kritische Lesen verlernt.

Dubiose Geschichtenerzähler mit journalistischem Anspruch haben es immer wieder zu Berühmtheit gebracht. Einer von ihnen ist Ryszard Kapuściński, polnischer Reporter und Reiseschriftsteller. Er hat sich in seinen Büchern gern als der allwissende Autor geriert. Mit der Autorität des Weitgereisten gab er vor, alles zu sehen, zu durchschauen, zu verstehen. So bot er sich den Lesern als sicherer Führer durch eine schwer durchschaubare Welt an. Kapuścińskis Erfolg war ungeheuer, doch noch zu seinen Lebzeiten (er starb 2007) kamen Zweifel an seiner Biografie und seinen Werken auf. Auch in seinem Fall wollten die Leser und Laudatoren nichts gemerkt haben. Rätselhaft!

Erzählungen, die Tatsachen zu schildern behaupten, werden anders gelesen als solche von deklariert fiktivem Charakter. Wenn der Schriftsteller Robert Menasse in seinem Roman «Die Hauptstadt» Geschichten über Menschen in der EU-Zentrale erfindet, ist das in Ordnung. Wenn er dem deutschen Politiker Walter Hallstein eine angeblich 1958 in Auschwitz gehaltene Europa-Rede in den Mund legt, die frei erfunden ist, dann liegt eine Fälschung vor. Und die kann man, obschon Menasse da angeblich anderer Meinung ist, auch einem Romanschriftsteller nicht durchgehen lassen.

Storytelling ist eben kein Wert an sich. Es ist nur ein Mittel, über dessen Einsatz der Erzähler rechenschaftspflichtig ist.

1789 – 1968 – 2018

9. Dezember 2018

Die Gilets jaunes protestieren nun das vierte Wochenende in Folge. Es ist eine Bewegung ohne Führung und klare Struktur, ohne politisches Programm. Mitte November begann es mit landesweiten Protesten gegen die geplante Erhöhung der Diesel- und Benzinsteuern um einige Cents pro Liter. Blockaden auf Autobahnen und Verkehrskreiseln legten vielerorts den Verkehr lahm. Sprach man damals von 300’000 Protestierenden im Land, so ist heute die Rede von einigen Zehntausend. Das bewegt sich im Verhältnis zur Bevölkerung im Promillebereich. Doch die Gilets jaunes drücken anscheinend eine verbreitete Stimmung aus. Ihre Schlachtrufe «Macron nous a oublié» und «Macron démission!» finden laut Umfragen in der Bevölkerung Zustimmung.

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Auch wenn heute nur ein Promille der Französinnen und Franzosen auf den Strassen demonstriert, ist die von den Medien vervielfachte Wirkung gigantisch. Bilder und Berichte zeigen ein Land im Aufruhr. Die von Aktivisten mit den Jahreszahlen «1789 – 1968 – 2018» proklamierte neuerliche «Révolution» ist zwar eine Mischung aus Selbstüberschätzung und Wunschdenken, trifft aber doch den Charakter der Bewegung. Wie alle grossen gesellschaftlichen Aufwallungen rührt sie von einem starken Bewusstsein der Benachteiligung und Missachtung her.

Weite Teile der französischen Bevölkerung haben Grund, sich so zu fühlen. Ganze Regionen des Landes und viele Vorstädte der Metropolen sind seit Jahrzehnten im Niedergang. Bildungssystem, Gesundheitswesen und Öffentlicher Verkehr abseits der Zentren (und teilweise auch dort) sind vernachlässigt. Und das in einem Land, in dem der Staat einen enormen Stellenwert hat als Autorität und Versorger. In Frankreich hat die Steuerquote im Verhältnis zum Brutto-Inlandprodukt innerhalb der OECD-Länder den Spitzenrang. Es ist ein extrem teurer Staat, den sich die Franzosen leisten. Doch dessen Leistungen sind vergleichsweise dürftig. Der Eindruck der Protestierenden, sie müssten nur dauernd mehr abliefern, erhielten aber keinen anständigen Gegenwert – er ist offensichtlich begründet.

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Was läuft falsch in Frankreich? In manchem haben sich die Menschen an überhöhte Ansprüche gewöhnt. Die 35-Stunden-Woche und die generell sehr frühen Pensionierungen sind das eine, strenger arbeitsrechtlicher Schutz gegen Entlassungen das andere. Diese sozialen Besitztümer werden von schlagkräftigen Interessengruppen verbissen gegen alle dringend nötigen Reformen verteidigt. In den letzten Jahrzehnten hat keine Regierung es vermocht, substantielle Veränderungen durchzusetzen. Doch ohne dieses Gefüge aus erworbenen Rechten und antagonistischen Frontstellungen in Bewegung zu bringen, wird das Land nicht in die Gänge kommen.

Was wird geschehen? Macron wird hier und dort etwas nachgeben müssen, um die Stimmung im Land zu besänftigen. Dann wird er vielleicht, was schon Hollande sein, er selber aber nie werden wollte: ein «normaler Präsident».

Bach und Bier

10. November 2018

Als Johann Sebastian Bach am 1. Juni 1723 ins Amt des Kantors an der Thomas-Schule in Leipzig eingesetzt wurde, begann die 27 Jahre lang andauernde Periode eines musikalischen Schaffens, wie es die Welt nie zuvor und nie mehr danach gesehen hat. In Leipzig entstand ein Grossteil der etwa 250 Bachschen Kantaten. Auch die grossen Passionen und Oratorien sowie die h-Moll Messe entstammen jener Zeit, genau wie die Instrumentalwerke Clavierübung, Das Musikalische Opfer und Die Kunst der Fuge.

Die sechs Kantaten des in Leipzig 1734/35 erstaufgeführten Weihnachtsoratoriums werden in den kommenden Wochen in Kirchen und Konzertsälen weltweit tausendfach erklingen. Hätte es noch eines Beweises bedurft für die überragende Qualität dieser Musik, so wäre er mit ihrer unbegrenzten Verschleissfestigkeit sicherlich erbracht: Bachs grosse Kompositionen können einem nicht zuviel werden.

Das hat man nicht immer so gesehen. Nach Bachs Tod 1750 erhielt seine Musik das damals abwertende Etikett „barock“ und verschwand aus der breiten Wahrnehmung. Erst Mendelssohns Aufführung der Matthäuspassion 1829 in Berlin leitete die bis heute ungebrochene Bach-Renaissance ein. Der Thomas-Kantor gilt seither als singuläres Phänomen. Ihn als „Genie“ zu ehren, ist angesichts der vielen, die das Prädikat verdienen, die falsche Kategorie – wie es auch zum Verständnis seiner Kunst nicht ausreicht, sie in die Barockmusik einzuordnen.

Seit Mendelssohn findet jede Musikergeneration eigene Zugänge zu Bach. Das gravitätische, gedankenschwere Zelebrieren seiner Oratorien und Kantaten, das bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschte, hatte einen anderen Bach vor Augen als die heute übliche „historisch informierte“ Deutung. Mit ihrem schlanken, geschmeidigen Klangideal und dem rhetorischen Gestus zeigt sie Bach in ganz anderem Licht.

Die Vorstellungen über Bachs eigene Aufführungen haben dank historischer Forschung an Kontur gewonnen. Seinen langjährigen Wirkungsort Leipzig darf man sich als Kulturstadt ersten Ranges vorstellen. Eine ausgezeichnete Universität, das weit ausstrahlende Verlagswesen, blühendes Gewerbe und die europaweiten Handelsbeziehungen legten die Basis für ein selbstbewusstes und kultiviertes Bürgertum, das Bachs überragendes Format zu honorieren wusste. Dafür wurde dieser dann aber gehörig in die Pflicht genommen: Der Thomaskantor war für die Musik an vier städtischen Kirchen zuständig; in zweien – St. Thomae und St. Nicolai – war er sogar selber jeden Sonntag und an allen Feiertagen mit Aufführungen beschäftigt, für die er meist neue oder neu bearbeitete Kompositionen anfertigte.

Für seine Kirchenmusik standen dem Kantor eine kleine Kompanie von angestellten „Stadtpfeifern“ und „Kunstgeigern“ sowie der Erste Chor der Thomasschule, an der er unterrichtete, zur Verfügung. Deren Zöglinge wurden aufgrund musikalischer und sängerischer Talente ausgewählt und streng geschult. Sie bildeten eine junge Elite, vergleichbar heutigen Studierenden an einer Musikhochschule. Der dichte Aufführungskalender liess jedoch neben dem Schulbetrieb, der ausser Chor- und Instrumentalschulung sowie Musiktheorie auch die üblichen allgemeinen Fächer umfasste, kaum Zeit für Proben. Es wurde wohl meistens vom Blatt gesungen und gespielt.

Das Weihnachtsoratorium vom Blatt singen und spielen? Genau das haben knapp dreihundert Jahre später ein paar Dutzend junge Leute beim berühmt gewordenen Leipziger WG-Konzert getan. Ein Handy-Video hat die Aufführung festgehalten. Seit bald sechs Jahren ist die 52 Minuten dauernde Aufzeichnung ein grosser Youtube-Hit. Entstanden ist er zufällig: Der 26-jährige Musikstudent Felix Pätzold will seinen Abschied von Leipzig mit einem WG-Konzert feiern, und weil es Dezember ist, fällt die Wahl auf das Weihnachtsoratorium, Kantaten eins und drei. Mitstudierende werden eingeladen, via Facebook kommen zusätzliche Kräfte. Ins Internet gerät das Konzert danach eher beiläufig (angeblich um das Video dem verreisten Pätzold zu übermitteln). In der WG hat man drei Zimmer leergeräumt. Zwei Barockpauken, Partituren und ein paar Kisten Bier sind da, und schliesslich steht junges Volk eng gedrängt in der Altbauwohnung. Pätzold dirigiert auf dem Esstisch stehend. Es kennen sich nicht mal alle, die da sind. Eine Probe gibt es nicht, viele singen oder spielen die beiden Kantaten zum ersten Mal.

Als der Dirigent sich im Party-Gelächter endlich Gehör verschaffen kann, geht es los in der wohlbekannten Weise – und hier doch ziemlich anders. Dem „Tam tadadadadam-tam“ der Pauken, den anschliessenden Fanfaren der Bach-Trompeten und dem mächtigen „Jauchzet, frohlocket“ des Chors fehlen der Nachhall des Kirchenraums und dessen feierliche Atmosphäre. Hier bleibt der Klang in der engen Wohnung gefangen; ozeanisch ausbreiten kann er sich nur in den Mitwirkenden selbst. Die anfangs noch gespannten Gesichter werden schon beim Eingangsstück lebhaft, und man kann als Betrachter mitverfolgen, wie die Instrumentalisten und Choristinnen in diese Musik, die vielen von ihnen neu ist, hineingezogen werden.

Bach fordert alles von ihnen. Nicht immer bleiben die Stimmen und Instrumente taktmässig ganz zusammen, was den Dirigenten zu Schwerarbeit zwingt. Wenn der Bassist und die Sopranistin sich durch schwierige Passagen ihrer Duett-Arie arbeiten, zählen sie einander mit den Fingern die Takte bis zu den Einsätzen vor – und brechen mitten im Stück in erleichtertes Lachen aus, als es geklappt hat. Mehrmals geht kurz das Licht aus. „Bierkette!“, ruft jemand hinten im Nebenraum, worauf leere Flaschen hinaus- und volle hereingereicht werden. Allmählich sind alle erhitzt, doch die Fenster müssen geschlossen bleiben; es fehlt schlicht der Platz, sie zu öffnen. Als nach dem letzten Choral der dritten Kantate „Seid froh dieweil“ nochmals der Eingangschor „Herrscher des Himmels“ mit bezwingendem Drive anschliesst und den Schlusspunkt setzt, bricht Jubel aus.

So spontan und locker ging es bei den Leipziger Thomas-Schülern im 18. Jahrhundert gewiss nicht zu. Sie waren rigorose Zucht gewohnt. Und es waren keine Frauen dabei. Doch trotz aller gesellschaftlichen und kulturellen Revolutionen der dazwischen liegenden Jahrhunderte dürfte das Leipziger WG-Konzert von 2012 eine gewisse Nähe zu Bachs Musizieren aufweisen. Die nach heutigen Massstäben unvorstellbare Kadenz der Aufführungen nämlich rückte eine Perfektion, wie wir sie im Konzertbetrieb gewohnt sind, ausser Reichweite. Selbst wenn Bach die damals besten Musiker und Sänger zur Verfügung standen, können die wöchentlich neuen Kantaten nicht anders denn in einem anspruchsvollen Rohzustand erklungen sein. Vielleicht um Nuancen besser, aber eben nicht völlig anders als im WG-Konzert.

Das Youtube-Video zeigt eindrücklich, dass Bachs Musik nicht nur in den Hochglanz-Aufführungen der Weltklasse-Solisten und Top-Ensembles funktioniert. Sie verträgt ohne weiteres ein paar Schrammen und ein bisschen Unsauberkeit, wie sie bei der Arbeit musikalischen Fussvolks nun mal nicht zu vermeiden sind.

Perfekte Aufführungen mit Starsolisten und professionellem Chor sind grossartig und unersetzlich, denn sie verdeutlichen den kaum auslotbaren Reichtum von Bachs Kompositionen. Das Happening in der Studenten-WG steht daneben wie eine Randnotiz. Sie verweist auf einen Überschuss an emotionalem und gedanklichem Gehalt, den keine Interpretation dieser Musik je vollständig abzubilden vermag. Das gewissermassen uneingelöste Plus der Aufführung ist immer vorhanden, aber es ist beim Leipziger Happening halt viel grösser und dadurch spürbarer als bei den Standards der internationalen Top-Klasse. Hierin liegt wohl der Grund, weshalb die WG-Aufführung nicht nur fasziniert, sondern berührt und einem das Gefühl gibt: Diese Musik spricht zu mir, sie meint mich.

Artikel zum Thema:

Musik des Himmels und der Erde, Journal 21, 18.12.2016

Vom Singen im Chor, Journal 21, 28.11.2016

Die Welt in Marmor gehauen

19. Oktober 2018

Giovanni Pisano hiess der geniale Bildhauer, von dem die Kanzel im Dom zu Pisa stammt. Er lebte von 1248 bis 1315 und ist der Sohn und Schüler des ebenso bedeutenden Niccolò Pisano. Die Kanzel in Pisa ist ein Alterswerk; sie entstand zwischen 1302 und 1311 und zeigt eindrücklich die in seinen Figuren immer deutlicher hervortretende Individualisierung und Dynamisierung. Wir befinden uns definitiv im Übergang vom Hochmittelalter zur Frührenaissance. Bei diesem Durchbruch spielt Giovanni Pisano in der Skulptur eine ähnliche Rolle wie Giotto in der Malerei.

087447DB-64B7-4115-A498-5D47270DCD88Der künstlerische Rang der Pisaner Domkanzel kann kaum hoch genug eingestuft werden. Zum Glück sind die vielen Touristen mit Selfie-Posen vor dem Schiefen Turm dermassen beschäftigt, dass man Pisanos Kanzel ziemlich ungestört bewundern kann. Doch wird man dem Werk des Meisters kaum gerecht, wenn man es ausschliesslich als künstlerische Spitzenleistung betrachtet. Es ist sogar anzunehmen, dass Giovanni Pisano eine derartige Würdigung ziemlich unverständlich wäre. Die dem heutigen Betrachter so exeptionell erscheinende Kunstfertigkeit war damals die Basis, das hart errungene und rastlos vervollkommnete Handwerk des Meisters. Entscheidend aber war für ihn, was er damit auszudrücken vermochte.

Nähert man sich dieser inhaltlichen Ebene von Pisanos Werk, so tut sich eine ganze Welt auf, die Welt seiner Zeit, des späten Mittelalters. Der Künstler hat alles, was den Sinn-Kosmos seiner Zeit ausmachte, in eine kompakte, schlüssige und vollkommen harmonische Form gebracht. Und dies ist nach seinem eigenen Verständnis seine eigentliche künstlerische Leistung.

Die Entschlüsselung der skulpturalen Codes dieser Kanzel würde einen stattlichen Band füllen. Hier nur einige grobe Hinweise. Die Brüstung der sechseckigen Kanzel wird von rechteckigen Reliefs gebildet, die in figurenreichen Szenen die neutestamentliche Heilsgeschichte von der Verkündung der Geburt Jesu an Maria zur Kreuzigung und weiter zum endzeitlichen Jüngsten Gericht führt. Die insgesamt elf Säulen, welche die vier Meter hohe Kanzel tragen, visualisieren den gesamten mittelalterlichen Wissenskanon. Die Basis der zentralen Säule zeigt Personifizierungen der Septem Artes Liberales. Diese sieben freien Künste sind nichts anderes als die Basis aller akademischen Bildung. Gegliedert ins sprachlich-logisch-philosophische Trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und ins mathematische Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie) umfassten die Septem Artes Liberales alle Bausteine und Dimensionen des Wissens.

Auf dieser Grundlage erfolgte an der mittelalterlichen Universität der Zugang zu Fachstudien in Theologie, Jurisprudenz oder Medizin. Hier, wo es um die christliche Verkündigung geht, stehen auf der gleichen Basis, als tragende Mittelsäule der Kanzel ausgebildet, die drei theologischen Tugenden: Glaube, Liebe, Hoffnung. In Pisanos ikonographischem Weltprogramm ruhen also die elementaren Triebkräfte des Christentums auf den Grundlagen sprachlich-logischen und mathematisch-logischen menschlichen Vermögens.

Die äusseren Säulen zeigen neben den vier Evangelisten und den Kardinaltugenden, dem Erzengel Michael und der Ecclesia-Figur interessanterweise auch den antiken Helden und Halbgott Herkules. Diesen selbstverständlichen Einbezug der Antike spiegelt auch das gleichwertige Nebeneinander der biblischen Propheten und der Sibyllen, also der Wahrsagerinnen aus der griechischen Mythologie.

Das Bildprogramm von Pisanos Kanzel steht für ein universales Christentum, welches das Weltwissen seiner Zeit ebenso integriert wie die für die Hochscholastik massgebliche kultur- und geistesgeschichtliche Referenz, die Antike. 

Martin Peiers Predigttheorie

21. September 2018

Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Fussballmatch und einer Predigt? – Bei der Predigt weiss man immer schon vorher, wer gewinnt.

Zugegeben, das ist ein bisschen daneben – aber eben nur ein bisschen! Martin sieht die Predigt nicht als Match, sondern, wie er gründlich darlegt, als Prozess. Ich glaube Martin aber schon zu verstehen, wenn ich annehme, seine Vorstellung von Prozess und von Predigt sei dem Geschehen auf dem Spielfeld nicht völlig unähnlich.

Spannend an dem Vergleich ist nicht so sehr, dass es bei beiden, Match und Predigt, ein Schlussresultat gibt. Viel bedeutungsvoller ist, dass Predigten genau wie Fussballspiele langweilig oder packend sein können – und dass man nicht vorher weiss, welches der Fall sein wird.

Martin stellt gleich zu Beginn die These in den Raum: Eine Predigt kann misslingen.

Wer wollte da widersprechen! Wir haben es oft genug auf harten Kirchenbänken erlebt. Doch Martins These geht weit über die triviale Erkenntnis hinaus, dass theologisches Personal auch nur mit Wasser kocht. Sie meint wirklich ein Risiko, das genuin in der Redeform Predigt steckt. Es ist wie beim Fussball: Mit höchsten Erwartungen angepfiffene Spiele können als ereignisloses Null zu Null enden – oder die Fans zu Begeisterungsstürmen hinreissen.

Ohne dieses Risiko wäre Fussball nicht unterhaltend und Predigt nicht – gestatten Sie das altertümliche Wort – erbauend.

Eine solche Auffassung kollidiert empfindlich mit der gängigen Meinung, lahme Predigten seien bloss kirchliche Betriebsunfälle. Eigentlich funktioniere nämlich das Predigen. Es erfülle grundsätzlich den hohen Anspruch, einer Gemeinde Gottes Wort zu überbringen. Kommt die Botschaft nicht an, so diese Doktrin, hat der Prediger eben den Job nicht richtig gemacht.

Das ist dann nicht ein Scheitern der Institution Predigt, sondern ein Versagen des Predigers – was natürlich theologisch angenehmer ist, weil es weniger weitreichende Fragen aufwirft.

Martin hingegen hat eine Vorliebe für die weitreichenden Fragen. Er will denn auch nicht in erster Linie die Fehler der Predigenden korrigieren, sondern den Prozess der Predigt verstehen.

Die Art, wie Martin diesen Prozess beschreibt, ist von aktuellen Kommunikations- und Kulturtheorien inspiriert. Die Predigt im Gottesdienst ist demnach nicht einfach das von der Pfarrerin Ausgedachte und Vorgetragene sondern das Ensemble des Gesagten und von den Anwesenden unterschiedlich Gehörten.

Noch deutlicher wird Martin mit dem Satz: „Die Predigt gehört den Hörenden.“ Oder anders: Die Deutungshoheit für das in der Predigt Gesagte kommt allein den Hörenden zu.

Im Hauptteil des Buches, einer sorgfältigen Analyse des so verstandenen Prozesses der Predigt, untersucht Martin das Zusammenspiel von Erzählen und Hören, Vorprägungen und Denkimpulsen, Erwartungen und Lernvorgängen, Enttäuschungen und Überraschungen. Es geht ihm darum herauszufinden, wie der komplexe Prozess stimuliert und gestützt werden kann.

Also doch ein Rezept für gelingende Predigten? Lässt man sich auf Martins Ansatz ein, ist es offensichtlich: Es sind immer die einzelnen Hörenden, die das Gelingen beurteilen. Es gibt im Predigtprozess keine höhere Instanz. Die Konsequenz ist nicht nur, dass eine Predigt scheitern kann, sondern vielmehr, dass bei jeder gehaltenen Predigt mit einem gewissen Mass des Scheiterns zu rechnen ist. Denn es hören niemals alle gleich.

Was macht man da? Vielleicht hilft ein bewährter Trick: Man sortiert diese widerspenstig-individualistischen Hörenden in einer Weise, dass möglichst homogene Gruppen entstehen, deren Präferenzen, Interessen, Sprachstile und Verstehenshorizonte man in etwa kennt. Klassisches Zielgruppen-Marketing eben.

Mit einer Segmentierung der Hörer hat auch Martin den Ausweg in genau dieser Richtung gesucht. Er nennt das hinterher den „Irrtum einer Typologie“. Dieser Umweg, den er in seinem Buch offengelegt hat, fasziniert mich. Denn oft erweisen sich ja die Umwege im Nachhinein als besonders erhellend. Zudem sind die von Martin entworfenen Hörertypen durchaus interessant. Ich zähle sie kurz auf (die Charakterisierung der einzelnen Typen ist im Buch nachzulesen). Die fünf Hörertypen suchen in der Predigt

  1. die theologische Rede
  2. das seelsorgerliche Gespräch
  3. den Denkanstoss
  4. die Erbauung
  5. das Zeugnis gelebten Glaubens.

Diese Typologie erinnert mich an Theodor Adornos Typen des Musikhörens. Adorno nennt

  1. den Experten
  2. den guten Zuhörer
  3. den Bildungskonsumenten
  4. den emotionalen Hörer
  5. den Ressentiment-Hörer
  6. den Unterhaltungs-Hörer
  7. den Gleichgültigen, Unmusikalischen, Antimusikalischen.

Solche Typologien – diejenige Adornos wie die Martins – sind für manches geeignet, aber eben nicht dazu, die Individualität des Hörprozesses zu begreifen.

Martin ist bei seinem Nein zur Segmentierung konsequent. Wenn Hörer als Individuen die Deutungshoheit über die Predigt haben, dann müssen sie in der Theorie als Individuen figurieren und nicht als anonyme Teile eines Typus.

Martins Ansatz, Predigt als vielschichtigen, offenen, nicht vorweg steuerbaren Prozess zu verstehen, ist aus einer kommunikationstheoretischen Sicht wenig überraschend. Theologisch gesehen hingegen ist seine Predigttheorie kühn. Theologen sind nämlich an ein Top-Down-Denken gewöhnt, gerade auch in der Predigtlehre. Wenn aber die Predigt ein Prozess ist und den Hörenden gehört, funktioniert das so nicht mehr. Da gibt’s was zu lernen!

Was Martin zu bieten hat, ist in Ansätzen eine neuartige Predigttheorie. Ich sage absichtlich Theorie und nicht Lehre, denn Theorie entsteht immer aus Reflexion über die Praxis. Das Bändchen „gehört“ ist deshalb ein Arbeitsbuch, eine Toolbox. Sie hilft Predigenden, sicherer und besser zu werden.

Zugleich aber ist das neue Buch ein Impuls im Grundsätzlichen, der das Zeug hat, in Theologie und Kirche ein neues Nachdenken über das Predigen in Gang zu setzen.

 

Ansprache bei der Buchpräsentation von „gehört“ am 20. September 2018, bei Reformierte Medien, Zürich

Martin Peier: gehört – Wirkungen der Rede am Beispiel der Predigt

Der unleserliche Brief

17. September 2018

An Constantin de Brancovan

Paris, Samstagabend, 19. August 1899

 

Mon cher Prince,

soeben habe ich diesen bezaubernden und unleserlichen Brief erhalten. Sie wissen, dass das, was Sie schreiben, die Mühe lohnt, gelesen zu werden, und Ihnen liegt daran, dass man sich diese Mühe macht. Sie sind der Mallarmé der Schrift. Im Grunde handelt es sich dabei um eine zusätzliche Nettigkeit, denn so sorgen Sie dafür, dass ich mehr Zeit mit Ihrem Brief verbringe, als wenn er leicht zu lesen wäre. Da ein Brief wie ein Besuch ist, ist ein schwer entzifferbarer Brief wie ein langer Besuch. Die Ihren sagen: Ich kommen nicht nur auf einen Augenblick, ich bleibe den ganzen Tag. Ich habe ihn damit verbracht, Ihren Brief zu lesen, und er ist mir teuer geworden aufgrund der Mühe, die er mir gemacht hat. Aber dessen bedurfte es gar nicht, um ihn zu lieben, und das hätte ich Ihnen gleich sagen sollen, statt dieser albernen Witzeleien. Ihr Brief ist erlesen, und ich danke Ihnen dafür von ganzem Herzen. Ich werde ihn sorgfältigst aufbewahren; nicht, weil er ein Muster der Hieroglyphik zu sein scheint, sondern weil er ein Beweis Ihrer Freundschaft ist. (…)

Ihr ergebener

Marcel Proust

 

Aus: Marcel Proust, Briefe, Bd. I: 1879–1913, hg. v. Jürgen Ritte, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

Albtraum der Einheitlichkeit

9. September 2018

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Heute in Pjöngjang. Nordkorea feiert den 70. Jahrestag seiner Staatsgründung. Das Land war nie etwas anderes als ein diktatorischer Einheitsstaat. Fast niemand, der dort lebt, kennt aus eigener Erfahrung etwas anderes als das eherne Regime der Kim-Dynastie.

Die Bilder, die dieser Staat über sich verbreitet, sind bis ins Letzte orchestriert. Augenscheinlich zeigt er sich am liebsten so: in Paraden, Aufmärschen und gigantischen „Spielen“. Es ist der Traum aller autoritären und erst recht der diktatorischen Regierungen, ihr Volk als Einheit zu inszenieren. Dem aussenstehenden Betrachter mag solches zwar als Albtraum von Einheitlichkeit und Ausmerzung aller Individualität ins Auge stechen. Von Beteiligten solch militärisch choreographierter Kundgebungen hingegen ist bekannt, dass die Einordnung in riesige Massen durchaus auch lustvoll erlebt wird. Denn mit dem Verzicht auf alles Persönliche erkauft sich das folgsame, rückhaltlos disziplinierte Wesen ein Aufgehen im Kollektiv. Wer im Takt marschiert, hat teil an der inszenierten Grösse und Macht und wächst so über sich hinaus. Es herrscht – zumindest in solchen Momenten – eine Komplizenschaft, eine Symbiose zwischen Herrschenden und Beherrschten.

Wäre es nur Zwang, der die hier Paradierenden synchronisiert, wäre dieser Grad an Übereinstimmung nicht möglich. Die marschierenden Frauen wollen perfekt sein, sie geben alles für diese Show. Freiwillig würden sie das vermutlich nicht machen, aber so etwas wie Freiwilligkeit kommt in ihrem nordkoreanischen Leben ohnehin nicht vor.

Das von Associated Press verbreitete News-Bild verrät viel über diese Kultur der Einheitlichkeit. So sind die jungen Soldatinnen nicht nur in ihren Bewegungen gleichgeschaltet, sondern auch gleich gross und von gleicher Statur. Selbst ihre Frisuren sind identisch, die zur Schau gestellten Mienen ebenso.

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Die kleinen Unregelmässigkeiten in der Reihung der Köpfe sind nur deshalb wahrnehmbar, weil der AP-Fotograf Kim Cheung ein starkes Teleobjektiv verwendet hat, das alle Abweichungen von der Fluchtlinie überbetont. Das Detail aus dem Foto unterstreicht das Ausmass der Auslieferung des Individuums ans Kollektiv, welches hier zelebriert wird.

Ein zweiter Bildausschnitt verdeutlicht, wie rigoros bei diesem Aufmarsch die Norm der Einheitlichkeit durchgesetzt ist. Neben den im Stechschritt marschierenden Frauen steht eine Reihe von dunkel, vermutlich zivil gekleideten Männern Spalier. Man erkennt sie in Durchblicken hinter der ersten und zweiten Reihe der Marschformation.

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In der vorderen der beiden Lücken ist der links stehende Mann fast einen Kopf grösser als derjenige rechts. Der Grössenunterschied wird jedoch nivelliert durch die roten Blumen- oder Federbüsche, welche sie in die Höhe halten. Die hier aufgereihten Männer sind darauf eingestellt, unabhängig von ihrer Körpergrösse mit ihren Büschen eine exakt waagrechte Linie zu bilden.

Das Bild offenbart das Selbstverständnis des nordkoreanischen Regimes. Es versteht Einheit tatsächlich im Sinne von Einheitlichkeit: Idealerweise sind die Bürgerinnen und Bürger in Bezug auf ihren Beitrag zum Volksganzen tatsächlich identisch. Lassen sich die Einzelnen hingegen nicht zur Gänze in ein vorgegebenes Schema zwingen, so müssen sie eben mittels entsprechender Anpassungen für das einheitliche Bild sorgen.